24.09.2012 / Allgemein / /

Wartezeiten schmälern das Familieneinkommen

Letzte Woche titelte das St.Galler Tagblatt „Zwei Jahre warten auf Krippenplätze… und die Wartelisten werden immer länger“. Dieser Zustand ist unhaltbar!
Die Wartelisten der Kitas sind lang, sehr lang, nicht nur in der Stadt St. Gallen, sondern auch in vielen ländlichen Gemeinden. Viele Eltern, die nach einem Krippenplatz Ausschau halten, müssen auf Not- und Übergangslösungen ausweichen. Nicht alle Eltern haben Grosseltern in der Nähe, nicht alle Eltern können auf Nachbarn zählen und zum Beispiel gemeinsam eine alternierende gegenseitige Betreuung ihrer Kinder organisieren. Die sehr lange Wartezeit für einen Betreuungsplatz ist aus verschiedenen Gründen inakzeptabel.
Erstens sind Eltern auch nach der Geburt eines Kindes auf zwei Einkommen angewiesen. Für viele Mittelstandsfamilien sind die Lebenshaltungskosten sehr hoch und zwingen beide Eltern, einer Erwerbsarbeit nachzugehen.
Zweitens investiert der Staat jährlich über 15 Mrd. Franken in die Ausbildung der Frauen.  Diese Investition ist wertvoll – darf aber nicht brach liegen. Junge Frauen sind nach ihrer Ausbildung zuerst berufstätig und optieren erst nach einer längeren Berufszeit für die Mutterschaft. Sie wollen aber nicht aussteigen, sondern ihre Berufsperspektiven aufrechterhalten und weiterhin berufstätig bleiben. Sie wünschen oft eine reduzierte Erwerbsarbeitszeit, wenn immer möglich eher eine vollzeitnahe als eine vollzeitferne Teilzeit. Heute aber stehen vielen Müttern nur vollzeitferne Teilzeitmöglichkeiten offen, mangels adäquater Betreuungsmöglichkeiten. Wir wissen aber aus verschiedenen Untersuchungen, dass Frauen eine höhere Erwerbszeit möchten.
Drittens bleibt angesichts der nach wie vor vorhandenen Lohnungleichheit eine egalitäre Aufgabenteilung das Privileg einer bestimmten Sozialschicht. Auch fehlen den Vätern die männlichen Vorbilder, die ihnen erlauben, sich für eine reduzierte Erwerbszeit einzusetzen. Unsere repräsentative Studie „Was Männer wollen“ (Pro Familia Schweiz, 2011) hat ferner aufgezeigt, dass Väter mehr Zeit für ihre Familie wünschen, und dass 9 von 10 ihre Arbeitszeit reduzieren möchten.
Viertens schmälern lange Wartezeiten nicht nur das Einkommen der Familie, sondern auch das Ersparte. Für all diese Familien haben die fehlenden Einkünfte auch mittel- und langfristige Folgen, denn es wird ihnen gleichzeitig der Ausbau ihrer eigenen Altersvorsorge verwehrt, da sie in dieser Zeit weder in ihre 1. Säule (AHV) noch ihre 2. Säule (BVG) einzahlen können. Familien werden zweimal bestraft – heute und morgen. Diese Situation ist für die betroffenen Familien inakzeptabel. Kommt dazu, dass diese fehlenden Einkommen auch in gewissen Situationen jederzeit zu Sozialabhängigkeit führen können.
Fünftens gilt es zu beachten, dass Kleinkinder, wenn sie Zugang zu einem gesicherten Betreuungsplatz haben, sich entwickeln und integrieren und gleichzeitig auf eine Kontinuität in der Betreuung einstellen können.
Schliesslich und sechstens ist es sowohl im Interesse der Wirtschaft als auch der gesamten Gesellschaft, dass Eltern sich beruflich engagieren, denn der bereits beklagte Arbeitskräftemangel kann nicht nur durch Einwanderung wettgemacht werden. Eine Berufstätigkeit für Väter und Mütter ist jedoch nur möglich, wenn Eltern auch wissen, dass sie Zugang zu einem familien- und schulergänzenden Betreuungsplatz haben und so eine familienergänzende frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung ermöglicht wird.
Es ist nun Zeit, dass auch die Gemeinden sich gemeinsam mit den lokalen Unternehmen stärker für die familien- und schulergänzende Betreuung einsetzen, damit Eltern die so oft formulierte Wahlfreiheit haben. Heute haben sie diese nicht. Die Kantone und Gemeinden müssen nicht die bevorstehende Abstimmung (3. März 2013) zum neuen Verfassungsartikel zur Förderung der Vereinbarkeit von Familie und Beruf abwarten, sie können bereits heute handeln. Eltern, die auf einen Krippenplatz warten, werden ihnen dankbar sein.