02.09.2011 / Allgemein / /

Früh hinschauen statt wegschauen

Fast täglich sehen wir Bilder von randalierenden Jugendlichen, von Hooligans, Fangemeinschaften, die nur eines im Sinn haben: Zerstören!
Da stellt sich schnell die Wertefrage: Welche Werte wurden diesen jungen Menschen vermittelt? In welcher Gesellschaft sind sie gross geworden? Weshalb überschreiten Jugendliche gewisse Schwellen, missachten das Eigentum, gefährden oder gar vernichten Menschenleben?

Gewalt hat Folgen: Angst und Unsicherheit machen sich breit und mit jedem Vorfall sickert diese Angst tiefer in unser kollektives Bewusstsein und wird zum Problem aller. Die Ursachen dieser Gewalt sind vielfältig und nicht klar einzuordnen. Schaut man die Bilder unkontrollierter Fussballfans hat man den Eindruck, diese Jugendlichen befinden sich in einem Zerstörungsrausch. Diese zwingen alle anderen Menschen zu einem Teilrückzug aus dem öffentlichen Raum, das ist inakzeptabel.

Auch wenn die Ursachen dieser Gewalt mannigfaltig sind, darf sie nicht banalisiert werden, als ob die Gesellschaft als Ganzes schuld an dieser Aggressivität sei. Fakt ist: Die Brutalität ist gestiegen, die Hemmschwellen sind gesunken. Fakt ist auch, dass einzelne Kinder schon sehr früh – in der Spielgruppe, im Kindergarten und der Primarschule – durch ein aggressiveres Auftreten auffallen als andere gleichaltrige Kinder. Würde das unmittelbare Umfeld der Familie bereits in diesem Alter genauer hinschauen, würden die bestehenden Defizite dieser Kinder sichtbar. Oft sind diese Kinder vom Familienumfeld geprägt. Hilflose Eltern reagieren nicht immer adäquat. Erleben Kinder innerhäusliche- oder Partnergewalt stehen sie dieser Gewalt ohnmächtig gegenüber. Sie nehmen aber gleichzeitig wahr, dass Probleme gewaltsam gelöst werden. Dadurch entwickeln sie, glaubt man den vielen Studien, eine höhere Akzeptanz für Gewalt.

Eltern haben eine wichtige Erziehungsverantwortung. Leider sind nicht alle für diese Aufgabe gleich vorbereitet. „Eltern werden ist nicht schwer, Eltern sein dagegen sehr!“ Fragen drängen sich auf, sie müssen auch erlaubt sein: Sind Eltern in unserer komplexen Gesellschaft überhaupt noch in der Lage, die sehr vielfältigen Aufgaben, die ihnen anvertraut werden, ohne Unterstützung der Gesellschaft zu übernehmen? Darf der Staat einfach hinnehmen, dass die Startchancen der Kinder sehr unterschiedlich und von ihrem sozialen Umfeld abhängig sind und bleiben, wie die geringe Durchlässigkeit unseres Schulsystems belegt? Darf der Staat weiterhin die Meinung stützen, Familie sei eine Privatsache?

Privatsache heisst – wegschauen statt hinschauen. Doch wir haben als Gesellschaft ein immanentes Interesse, dass alle Menschen in unserer Gesellschaft Werte verinnerlichen, die das Zusammenleben und die Gestaltung des Alltags verbessern. Wer aber keine Normen verinnerlicht, kann sie auch bei anderen Menschen nicht wahrnehmen.
Hinschauen statt wegschauen setzt aber voraus, dass Familien – namentlich Kinder – die in einem schwierigen Umfeld aufwachsen, sehr früh Begleitung und Unterstützung erfahren müssen.

Je früher Familien Begleitung und Unterstützung erfahren, desto höher sind die Chancen, dass präventive Massnahmen negative Entwicklungen verhindern können.
Wenn aber diese Defizite nicht angegangen werden, kann dies zu einer Ausgrenzung des Kindes führen. Ausgrenzung aber hat in der Regel langfristige Folgen und zwar für alle, für die Ausgegrenzten wie auch für die Gesellschaft.