15.03.2011 / Allgemein / /

Die grosse Kluft zwischen Angebot und Nachfrage

Der Kanton St. Gallen hat soeben eine Studie „Was Männer wollen!» veröffentlicht. In einer online durchgeführten Umfrage erhob das Kompetenzzentrum für Familienpolitik von Pro Familia Schweiz, welches mit der Studie beauftragt wurde, die Bedürfnisse der Männer im Bereich Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben.

 

Seit bald zwei Jahrzehnten ist das Thema Vereinbarkeit in aller Munde. In der Regel denkt man primär an die Vereinbarkeitsprobleme, die sich Mütter stellen, denn sie versuchen, ihr Familienleben mit einer Erwerbstätigkeit – oft einer Teilzeiterwerbstätigkeit – zu kombinieren. An die Männer, an die Väter dachte man bis vor kurzem kaum. Dabei äussern auch sie vermehrt den Wunsch, ihr Erwerbsleben besser mit ihrem Privat- und Familienleben vereinbaren zu können. Der Wunsch ist der gleiche, die Perspektive jedoch eine andere. Es geht ihnen um die Vereinbarkeit vom Erwerbsleben mit dem Privatleben und nicht umgekehrt, wie dies oft bei den Frauen der Fall ist. Dieser Wechsel der Perspektive wurde bis anhin kaum thematisiert und noch weniger in den Unternehmen wahrgenommen. Männer fühlen sich, wie die Untersuchung zeigt, in der Frage der Vereinbarkeit im Vergleich mit Frauen benachteiligt und wünschen eine breite öffentliche Diskussion zur Förderung der Vereinbarkeit.

Wie die Studie zeigt, ist die Erwerbszeit der Männer bedeutend. Wir leben in einer Zeit der Beschleunigung. Es erstaunt daher nicht, dass die ganz grosse Mehrheit eine höhere Zeitautonomie fordert. Mehr zeitliche Flexibilität durch die Einführung von Jahresarbeitszeit oder von Zeitkonti sowie mehr örtliche Flexibilität im Sinn von Telearbeit oder Home Office Tagen. Auch ist festzustellen, dass eine bedeutende Zahl ein höheres Angebot an Teilzeitstellen (80%) wünscht. Ein Blick auf das Angebot kleiner und mittlerer sowie grosser Unternehmen zeigt, dass das Angebot längst nicht den Vorstellungen und Erwartungen der Mitarbeiter entspricht. Es besteht eine klare Kluft zwischen Angebot und Nachfrage.

Selbstverständlich begründen auch gesellschaftliche Faktoren den fehlenden Fortschritt. Männer beklagen die noch oft festgefahrenen Rollenbilder, die fehlende Unterstützung ihrer Vorgesetzten, um ein ausbalancierteres Leben führen zu können. Auch die mit einer Veränderung verbundene Lohneinbusse erachten Viele als Hinderungsgrund. Sie scheinen nach wie vor die Gefangenen gewisser gesellschaftlicher Bilder zu sein, die auch von Frauen mitgeprägt werden.

Die Kluft zwischen Angebot und Nachfrage hat dennoch kaum Einfluss auf ihre Berufszufriedenheit, die sehr hoch ist, obschon 68% aller Antwortenden feststellen, dass sie ein Konfliktpotential im Bereich Vereinbarkeit haben. Sei dies, weil sie zu wenig Freiräume, zu wenig Zeit für ihre Familie und/oder für ihre Weiterbildung haben. Es erstaunt denn auch nicht, dass die grosse Mehrheit trotz noch vorherrschender Rollenbilder ihre Erwerbsarbeitszeit reduzieren möchte und auch bereit wäre, eine gewisse Lohneinbusse in Kauf zu nehmen. Das könnte möglicherweise eine höhere Erwerbsarbeitszeit der Frauen zur Folge haben, sofern das Paar und die Familie keine Kaufkrafteinbusse in Kauf nehmen möchte. Darüber schweigt die Studie.

Die Erkenntnisse dieser soeben präsentierten Studie sind auch für Arbeitgeber interessant. Im Ringen um qualifizierte und motivierte Mitarbeiter werden in Zukunft Unternehmen ihr Angebot für Männer ausbauen müssen. Eine grosse Mehrheit aller an der Umfrage beteiligten Männer achten zukünftig bei der Suche einer neuen Stelle auch auf das Angebot im Bereich Vereinbarkeit. Bleibt die Kluft zwischen Angebot und Nachfrage gross, wird das Unternehmen das Nachsehen haben.

Die Studie kann heruntergeladen werden unter

www.gleichstellung.sg oder www.profamilia.ch